Flogging Molly - Drunken Lullabies

Das Kontinuum zwischen Punk, Folk, Irland und Spaß

Eine Rezension von Max

Geschrieben am 18.09.2007

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BildEs war auf einer Party im Sommer 2002. Ich saß auf einem Stuhl in fröhlicher Runde und genoss mein Bier als ich plötzlich ein heftiges Auf und Ab meines linken Fußes bemerkte - seltsamerweise konnte ich mich nicht entsinnen, dieses Auf und Ab willentlich herbeigeführt zu haben. Nach einigen verwirrten Sekunden konnte ich schließlich die Ursache ausmachen: aus den Lautsprechern der Stereoanlage drangen Klänge, die es mir heute noch unmöglich machen, still sitzen zu bleiben. Nachdem ich aus der Diskussion ausgestiegen war und der Musik eine zeitlang mit glasigem Blick gelauscht hatte wurde mir klar: ich musste herausfinden was das hier war! Ich würde die Party nicht verlassen ohne zu wissen, was gerade meine Hörgänge verzückte! Einige Stunden und Biere später verliess ich die Party in bester Stimmung, in der Hand ein gebranntes Exemplar von Flogging Molly's Drunken Lullabies.

Die gebrannte CD wurde recht bald durch ihren ehrlich erworbenen Doppelgänger ersetzt, und gehört noch immer zu meinen Lieblings-CDs. Aber Ihr wollt sicherlich viel lieber wissen um welche Art von Musik es sich handelt?
Nun ja, in eine Schublade stecken lässt sich Flogging Molly bestimmt nicht. Aber die Jungs und das Mädel von Flogging Molly teilen zwei meiner musikalischen Vorlieben: irisch angehauchte Folk-Musik und verzerrte Bratgitarrenklänge. Wenn man sich jetzt noch die typischen Folk-Instrumente Banjo, Akkordion und Geige dazudenkt und das ganze mit schnellem, straigtem zwei-viertel Schlagzeug (man stelle sich den typischen 180 BPM Techno-Beat vor uns setze zwischen die Bass-Schläge jeweils noch einmal die Snare) abrundet, dann ist man dort wo Flogging Molly musikalisch einzuordnen sind: auf einem Kontinuum zwischen Punk, Irland, Folk und jeder Menge Spaß.

Interessanterweise ist Dave King (Gesang und Akustikgitarre) der einzige Ire der Combo, alle anderen sind Amis. Doch wenn man weiß, dass Dave King auch das musikalische Hirn der Truppe ist, wird einiges klar.

Das Album ist dementsprechend "Voll-auf-die-Zwölf". Von der ersten Sekunde an wird klar, dass hier gerockt wird. Die Musik ist so voller Energie, dass Stillsitzen fast unmöglich wird. (siehe oben).

Die Lyrics von Dave King sind gewürzt mit Gesellschaftskritik, voller Anspielungen auf seine Jugend in der Armut von Dublin und Erinnerungen an die "gute alte Zeit". Doch die Melancholie der Texte wird von der Party-Stimmung der Musik seltsam beschwingt rübergebracht. Ich hatte schon einmal geschrieben (Review: The Pogues), dass in der irischen Seele Melancholie und Lebensfreude dicht beieinander liegen. So auch bei Flogging Molly. Wer Flogging Molly nur anhört würde nie denken, dass da gerade jemand über etwas schlimmes singt - so positiv, lebensfroh und lebendig klingt die Musik.

Der Opener des Albums, Drunken Lullabies, geht direkt fett zur Sache. Das Banjo spielt eine beschwingte Folk-Melodie vor (noch 10 Sekunden Ruhe vor dem Sturm), danach setzt das ganze Septett ein und rockt voll los, während die Geige die Melodie übernimmt. Das ist ein fester Bestandteil der Musik: Der Sänger ist nicht der einzige, der für Melodie sorgt, sondern auch Geige, Akkordion und manchmal Tin Whistle oder Banjo. Trotz dieser polyphonen Melodievielfalt klingen Flogging Molly nie "durcheinander".
Mit What's left of the flag geht es in genau diesem Stil weiter und auch mit May the living be dead in our wake geht es flott-folkig weiter. Mit If I ever leave this world alive kommt dann eine etwas ruhigere Nummer mit Akustikgitarre und Gesang. Doch nach und nach setzen immer mehr Instrumente ein und am Ende ist fast genau so viel Schwung in dem Song wie beim Vorgänger. Danach macht The Kilburn High Road direkt mit Schwung weiter, gefolgt von Rebels of the sacred heart, das fast eine Minute lang für eine Ballade durchgeht - dafür danach umso mehr abgeht.
Danach ist man bereits in der Mitte des Albums und hat kaum bemerkt, wie schnell die Zeit verging.
Swagger ist fast ein Instrumentalstück (wenn man von dem im Chor gegröhlten "Don't know where I'm going" absieht) in dem dann die Melodieinstrumente die Herrschaft übernehmen. Ohne Atempause geht es weiter zu Cruel Mistress, dass zwar sehr schnell ist aber etwas weniger melodisch. Der Bassist kann in dem Song als Sänger auch nicht hundertprozentig überzeugen. Dafür kommt danach eine wunderschöne sechs-achtel Ballade über eine verflossene Liebe. Another bag of bricks ist ein weiterer kleiner Schwachpunkt des Albums, was aber möglicherweise daran liegt, dass es nach dem Feuerwerk zuvor ein bißchen zu "normal" klingt. Das reisst aber das Cover von Pete St John's Rare old times (das sich hinter dem Original nicht verstecken muss) wieder in schwungvollster Manier völlig raus. Schließlich endet das Album sehr irisch und traurig mit der sparsam instrumentierten Ballade The son never shines (on closed doors).

Danach möchte man sofort den Repeat-Knopf am CD-Player drücken. Warum eigentlich auch nicht?

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